„Bildung erfordert, Fragen zu haben“

Podiumsgespräch Robert Junk-Bibliothek, Thema: Weiterbildung 19.05.2014

Podiumsgespräch zur Zukunft der Erwachsenenbildung in Salzburg

Fragen zu haben, sei der Ursprung von Bildung, doch die wirklich wichtigen Fragen zu stellen haben wir heute weitgehend verlernt, so Ursula Pia Jauch von der Universität Zürich bei einem Podiumsgespräch über die „Zukunftschance Weiterbildung“, zu dem jüngst Landesrätin Martina Berthold gemeinsam mit der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunfts­fragen in die Volkshochschule Salzburg im neuen Stadtwerk Lehen eingeladen hatte. Während Bildung im Kantschen Sinne „Erziehung zur Persön­lichkeit“ meine, brauche die Wirtschaft heute nur mehr „Personal“, das ausgebildet wird. Weiterbildung sei zu einem „Geschäftsmodell“ geworden, so die starke Ansage der Philosophin. Nicht Zwang, sondern die Freude etwas zu erkunden, bestimme wirkliche Bildung: „Bildung gehört zum Bedürfnis des Selbst und lässt sich nicht verordnen.“ Unsere Schulen würden den Menschen jedoch die Freude an Bildung „ausprügeln“, so Jauch, die tags darauf auf Einladung von „akzente“ mit Salzburger Jugendlichen diskutierte, weiter.

Ursula Pia Jauch: "Bildung kann nicht erzwungen werden"
Ursula Pia Jauch: “Bildung kann nicht erzwungen werden”

Bildungsmotive sind unterschiedlich

Ziel von Bildung sei ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, bestätigte auch Carola Iller, Bildungsforscherin an der Kepler-Universität Linz. Doch Erwachsenenbildung könne nicht auf ein „Geschäft“ reduziert werden. Auch wenn der Trend von der früheren Volksbildung zur Kommerzialisierung auf der Hand liege, seien die Bildungsmotive der Menschen unterschiedlich: es gehe um Persönlichkeitsentwicklung, beruflichen Aufstieg, Verhinderung von Exklusion, bei formalen Abschlüssen auch um Erhöhung des sozialen Status. Notwendig sei daher eine Differenzierung der Angebote nach Zielgruppen bzw. Milieus. Eine Erhebung ihres Instituts unter Erwachsenenbildungseinrichtungen in Oberösterreich habe ergeben, dass sozial benachteiligte Schichten kaum an Bildungsangeboten partizipieren bzw. nur dann, wenn sie über das Arbeitsmarktservice dazu angehalten werden. Auch die Jungen würden durch klassische Bildungsinstitutionen weniger erreicht, was u. a. an der Attraktivität und Dichte von Alternativangeboten läge. Eine direkte Konkurrenz von Erwachsenenbildungsangeboten und den Neuen Medien sah Iller jedoch nicht, vielmehr gäbe es eine gegenseitige Befruchtung: „Informelle Bildung über Medien führt dazu, dass auch das Interesse an Bildungsangeboten steigt.”

Carola Iller: "Bildungsmotive sind unterschiedlich"
Carola Iller: “Sozial Benachteiligte partizipieren wenig an Bildungsangeboten”

Auflösung tradierter Milieus

Werner Pichler, pädagogischer Direktor des Berufsförderungsinstituts Salzburg und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Salzburger Erwachsenenbildung, setzte die Weiterbildungslandschaft in den Kontext gesellschaftlicher Veränderungen wie Beschleunigung, Globalisierung, Auflösung tradierter Milieus sowie schließlich der Krise der staatlichen Institutionen, die auch auf die Bildungsinstitutionen zurückwirke. Zudem träten neben die klassischen Formen der Erwachsenenbildung wie Vortrag oder Kurs neue Formate, etwa Internetkurse. Erwachsenenbildung sei vor gut hundert Jahren als emanzipatorisches Projekt für die Arbeiter und Arbeiterinnen gestartet worden, doch auch die Klassen würden sich heute zunehmend auflösen, die Adressaten der Erwachsenenbildung würden dadurch heterogener. Pichler bezeichnete die Institutionen der Erwachsenenbildung in Salzburg als „gut aufgestellt“, Herausforderungen sah er in der Grundversorgung der ländlichen Regionen, da es eine starke Konzentration auf den Zentralraum gäbe, sowie im Erreichen bildungsbenachteiligter Gruppen, wofür mehr Ressourcen nötig seien.

Werner Pichler: "Zielgruppen sind vielschichtiger geworden"
Werner Pichler: “Zielgruppen sind vielschichtiger geworden”

Landesrätin Martina Berthold bekräftigte das Ziel, Angebote für alle Bevölkerungsgruppen sicherzustellen. Spezifische Zielgruppen wie Jugendliche, Frauen oder Seniorinnen und Senioren sollen ebenso in den Blick genommen werden wie neue Initiativen aus der Zivilgesellschaft, die aktuelle gesellschaftliche Themen artikulieren und damit ebenfalls zur Erwachsenenbildung beitragen. Die Trennung in berufliche und allgemeine Erwachsenenbildung werde in Zukunft an Bedeutung verlieren, da lebensbegleitendes Lernen beide Bereiche umfasse. Als besondere Schwerpunkte nannte Berthold die Elementarbildung, die genügend Kinderbetreuungsplätze erfordere, sowie die Sicherstellung von nachholender Basisbildung für jene, die Bildungsdefizite aufweisen. Auch die Grundversorgung im ländlichen Raum müsse sichergestellt werden, wobei hier die Öffentlichen Bibliotheken, die es in allen Gemeinden gibt, noch stärker als Bildungsorte auch für Veranstaltungen genutzt werden sollten. Bildung müsse, so Berthold,  in der politischen Wahrnehmung als Querschnittmaterie erkannt werden, was die Kooperation mit den Ressorts für Wirtschaft, Soziales, Gesundheit oder Umwelt erfordere.

LR Martina Berthold: "Bildung ist eine Qeurschnittaufgabe aller Ressorts"
LR Martina Berthold: “Bildung ist eine Querschnittaufgabe aller Ressorts”

Wertschätzung für Bildungsarbeit

Viele der knapp sechzig Teilnehmenden der von Stefan Veigl von den Salzburger Nachrichten moderierten Podiumsdiskussion kamen aus Einrichtungen der Erwachsenenbildung. In der Publikumsdiskussion ging es daher vor allem um den Wert von Erwachsenenbildung für die Gesellschaft, der von der Politik durch entsprechende Ausstattung mit Mitteln entsprechend gewürdigt werden müsse.

Dazu in Kürze zwei Repliken des Podiums: Bei Bildungspolitik dürfe es nicht nur um Geld gehen, doch die Ressourcenausstattung sei Voraussetzung für gute Arbeit und auch eine Art Wertschätzung, die zeige, welche Schätze an Bildungseinrichtungen wir haben, so Carola Iller. Die Bildungsforscherin verwies darauf, dass Weiterbildung bereits jetzt zum überwiegenden Teil aus Kursbeiträgen finanziert werde – der Anteil an öffentlichen Mitteln liege in Österreich bei 12,3 Prozent. Für die Zukunft müsse dennoch weiter über neue Finanzierungsmodelle nachgedacht werden, etwa über aus Unternehmensbeiträgen gespeiste Bildungsfonds nach niederländischem Vorbild. Ursula Pia Jauch gab schließlich zu bedenken, dass Bildungsangebote nicht nur an fehlenden Infrastrukturen scheiterten, sondern auch an verlorenem Interesse oder mangelndem Bedarf: „Die Menschen finden ja auch ins Fußballstadion, weil sie das eben interessiert.“

Bildung ist mehr als Selbstoptimierung

Resümee: Berufliche Weiterbildung findet ihren „Markt“, da Unternehmen bzw. ArbeitnehmerInnen diese gemäß Bedarf nachfragen. Defizite gibt es hier bei „bildungsinstitutionenfernen Schichten“ (Carola Iller) – so erhalten weniger Qualifizierte auch die wenigsten betrieblichen Fortbildungen. Kritisch zu hinterfragen ist auch der Zwang zur permanenten Selbstoptimierung, um sich beschäftigungsfähig („employable“) zu halten. Im Bereich der allgemeinen Erwachsenenbildung – auch wenn die Grenzen zur beruflichen Weiterbildung fließen, gibt es diese ja noch  –  erfreuen sich Angebote, in denen es um Fragen wie Gesundheit, Persönlichkeitsentwicklung oder Selbstentfaltung geht, großer Nachfrage. Schwieriger ist es – das wurde in der Diskussion angesprochen – Interesse für gesellschaftspolitische Fragestellungen zu wecken, etwa über die Zusammenhänge knapper werdender öffentlicher Mittel und dem gegenwärtigen Finanzsystem. Hier gibt es Nachholbedarf. Wahrscheinlich geht es unter Bezugnahme auf Ursula Pia Jauch darum, im öffentlichen Diskurs andere Fragen zu stellen bzw. die Fragen, die sich Menschen stellen, noch stärker ins Visier bzw. „Programm“ zu nehmen und zugleich Formate zu finden, die auch ins Handeln führen (können). Nach dem Prinzip: „Bildung mit Folgen“. Und die Schulen werden wir zwar nicht abschaffen, aber lernfreundlicher können wir sie allemal machen.

Mag. Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen und Leiter des Projekts „Zukunft der Erwachsenenbildung in Salzburg“. www.jungk-bibliothek.at, https://projekterwachsenenbildung.wordpress.com

Infos: 0662.873206 oder 0699.11370178, jungk-bibliothek@salzburg.at

Titelfoto: Land Salzburg/Beate Fürstauer. Weitere Fotos: JBZ/Hans Holzinger

 

 

 

 

 

 

 

 

Podiumsgespräch

weiterbildungeinladung

Mo., 19. Mai 2014, 19 Uhr, in der VHS Salzburg, Struberg. 26, 5020 Salzburg. Anmeldung
Welche Bildung brauchen wir in Zukunft und was bedeutet das für die Erwachsenenbildungslandschaft in Salzburg? Wie lassen sich Angebote für jedes Alter und alle Lebenslagen sicherstellen? Wie erreichen wir bildungsbenachteiligte Gruppen? Wie kann Bildung zur Lösung der Zukunftsherausforderungen des 21. Jahrhunderts beitragen?
Diese und weitere Fragen sind Thema der Podiumsdiskussion mit LR Mag.a Martina MBA Berthold, Univ. Prof.in Carola Iller (Uni Linz), Univ. Prof.in Ursula Pia Jauch (Uni Zürich) und dem Vorsitzenden der Arge Salzburger Erwachsenenbildung sowie pädagogischen Direktor des BFI Salzburg Mag. Werner Pichler. Moderation: Stefan Veigl, Salzburger Nachrichten.

Neue Ideen – Zukunftswerkstatt Saalfelden

Zukunftswerkstatt in Saalfelden am 25.5.2014
Zukunftswerkstatt in Saalfelden am 25.5.2014

P1030332

Befunde und Zukunftsideen zu den Angeboten der Erwachsenenbildung in der Region des Pinzgau zu erheben, war das Ziel der von Hans Holzinger und Anita Berner moderierten Zukunftswerkstatt im Bildungszentrum Saalfelden. Einer Bestandsaufnahme („Was wir schätzen“, „Was Probleme macht“) folgte eine Ideensammlung zu aus den erfassten Problemen destillierten Zukunftsthemen.

Geschätzt wird u.a. die Arbeit der ehrenamtlichen Bildungsleiter_innen, das vielfältige Programm, das für unterschiedliche Interessen etwas bietet, das Angebot für Eltern, die Möglichkeit sich selbst einbringen zu können sowie der soziale Aspekte von Bildungsveranstaltungen, da so Menschen  zusammenkommen.

Als Probleme wurden v.a. die zu geringe Wertschätzung der Erwachsenenbildung durch die Politik, das Konkurrieren-Müssen im Freizeitmarkt, die Unübersichtlichkeit der Angebote sowie die Ausdünnung im ländlichen Raum genannt.

Über zwanzig Ideen wurden entwickelt

Insgesamt wurden von den Teilnehmenden, die sich aus zwei Mitarbeiter_innen in Erwachsenenbildungseinrichtungen und zwei Nutzer_innen zusammensetzten, über 20 Vorschläge benannt, die zu einer qualitätsvollen Erwachsenenbildung in Salzburg sowie in der Region beitragen sollen.

Um Angebote in der Region besser zu verankern, wurden etwa Kurspackages in Kooperation mit der Hotellerie für die Zwischensaison oder Schnupper-Workshops der Erwachsenenbildungseinrichtungen in Schulen vorgeschlagen. Um MigrantInnen besser zu erreichen, sollen Kurse gemeinsam mit den migrantischen Kulturvereinen angeboten werden. Wettbewerbe mit medialer Begleitung könnten für manche attraktiver sein als normale „Kurse“. Die Durchführung von Bildungs-„Marktplätzen“ sowie die Erstellung gemeinsamer Programme aller Anbieter in der Region sollen helfen, Transparenz in die Angebote zu bringen. Das Wissen und die Erfahrungen in der Region sollen besser genutzt werden. Bildungsangebote auf Abruf bzw. auf Nachfrage könnten bedarfsorientierte Programme ermöglichen. Initiativen aus der Region sollen an die Bildungsanbieter mit Wünschen und Vorschlägen herantreten (können). Schließlich wurden Bildungsbeauftragte für alle Gemeinden und die Errichtung von Bildungszentren, in denen alle Einrichtungen situiert werden, vorgeschlagen, um Erwachsenenbildung in den Gemeinden noch stärker zu verankern.

Zwei der Vorschläge konnten in der abschließenden „Ideenschmiede“ vertiefend ausgearbeitet werden: Die Einrichtung von Bildungsbeauftragten in alle Gemeinden sowie ein exemplarisches Kursangebot, in dem Fußballspielen mit Englisch-Lernen verbunden werden.

In der Schlussreflexion, die in den Gastgarten verlegt wurde, ging es um die Realisierungschancen von Bildungszentren sowie von Bildungsbeauftragten in allen Gemeinden. Zudem wurden Möglichkeiten und Chancen neuer Arbeitszeitmodelle diskutiert, die neben der Erwerbsarbeit auch wieder Zeit für die Familie, für Engagement und eben auch Bildung lassen. Gesprochen wurde auch darüber, dass der Einladung zur Zukunftswerkstatt so wenige Personen gefolgt sind.